Vergesst die Wohnungslosen nicht

Wir brauchen Wohnungen für die Armutsbevölkerung – Belegrechtswohnungen.

Einige soziale Gruppen sind vom Wohnungsmarkt ausgesperrt. Dazu gehören die Wohnungslosen, die im hannoverschen Hilfesystem für Wohnungslose feststecken. Das System ist verstopft.

Das Diakonische Werk Hannover und die anderen Träger der Wohnungslosenhilfe haben im November 2014 die Kampagne "Vergesst die Wohnungslosen nicht" gestartet, um in Gesprächen mit Politikern, Verwaltung und Wohnungsunternehmen Lösungen zu finden. Notwendig sind der Neubau von Wohnungen gezielt für Bedürftige und die Vergabe vorhandener Wohnungen an Wohnungslose aus dem Hilfesystem. Näheres dazu können sie in den folgenden Beiträgen erfahren.

Winter verschärft Lage der Wohnungslosen

Hannover (epd). Mit den Minusgraden verschärft sich auch die Lage der Obdachlosen. In Hannover leben nach Auskunft der Stadt derzeit rund 1.120 Menschen in städtischen Unterkünften. "Damit sind die Plätze nahezu ausgelastet", sagte ein Sprecher am Freitag. Zusätzlich halte die Stadt während der kalten Jahreszeit rund 50 Notschlafplätze für Männer und bis zu zehn für Frauen bereit. Die Zahl der Menschen, die in den städtischen Einrichtungen unterkommen, sei in den vergangenen Jahren um jährlich etwa zehn Prozent gestiegen.

Auch die Diakonie in Hannover beobachtet eine steigende Zahl von Wohnungslosen. Unter anderem strandeten immer mehr Menschen aus Osteuropa in der Landeshauptstadt, sagte Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes. "Sie kommen mit Hoffnungen, die sich nicht erfüllen." Nach Schätzungen der Diakonie leben derzeit rund 3.000 Wohnungslose in Hannover. Immer dringender würden kleine bezahlbare Wohnungen benötigt, erläuterte Müller-Brandes. Doch die sind Mangelware.

Nach seinen Beobachtungen nimmt auch die Zahl der Menschen zu, die buchstäblich auf der Straße nächtigen. In Hannover fänden im Winter zusätzlich zu den städtischen Unterkünften rund 300 Menschen in diakonischen Einrichtungen Unterschlupf. Dennoch nächtigten zeitweise rund 300 Menschen unter Brücken, Unterführungen oder in Kleingärten. Im Winter seien es weniger, sagte Müller Brandes, doch: "Es ist eine Verelendung zu beobachten."

Mit den kalten Temperaturen steige auch das Risiko, zu erkranken, sagte der Diakoniepastor. "Wo schlafe ich? Wo bekomme ich etwas zu essen? Das ist für die Menschen zentral." Für Gedanken um die Gesundheit bleibe keine Kraft. Krankheiten würden verschleppt und chronifizierten sich. Eine Krankenwohnung der Diakonie mit sieben Plätzen sei immer voll belegt. "Wir brauchen dringend eine zweite." Auch die ökumenische Essensausgabe sei in größere Räume umgezogen, um den Andrang bewältigen zu können.

Um Wohnungslosen auch nachts etwas Wärme zu bieten, hat auch das hannoversche Verkehrsunternehmen Üstra erneut seine zentrale U-Bahn-Station am Stadtmittelpunkt Kröpcke rund um die Uhr für sie geöffnet. Dort suchten regelmäßig etwa ein Dutzend Menschen Unterschlupf, sagte Üstra-Sprecher Udo Iwannek. Der Sicherheitsdienst habe ein Auge darauf, dass ihnen niemand etwas antue. "Diese Menschen sind besonders schutzlos."

epd, 6. Januar 2017

8 Mietverträge für Wohnungslose

Bei der Unterzeichnung der Vereinbarung, v.l.: Harald Bremer (Karl-Lemmermann-Haus), Tatjana Makarowski (Caritas), Christian Katterle (Jugendwerksiedlung), Petra Tengler (Selbsthilfe für Wohnungslose), Astrid Rehmert (Werkheim), Karl-Heinz Range (KSG), Nadine Otto (Gundlach), Karsten Klaus (GBH), Rainer Müller-Brandes (Diakonisches Werk Hannover)

Um die Wohnungslosigkeit zu beseitigen werden Wohnungen gebraucht. Um die Wohnungsnot der Armutsbevölkerung zu beseitigen, werden Belegrechtswohnungen gebraucht. Die Anzahl der Belegrechtswohnungen in der Stadt Hannover geht jedes Jahr zurück, trotz Neubau.

Auf diesem Hintergrund ist die Vereinbarung von drei Wohnungsunternehmen mit der Wohnungslosenhilfe in Hannover zu sehen –und zu beurteilen. Im April letzten Jahres wurde eine Vereinbarung geschlossen, in der der Zugang zu vorhandene Wohnungen der Unternehmen für Wohnungslose und die Hilfen geregelt wird. Anders ausgedrückt: die Wohnungslosen werden an die Hand genommen und an der Schlange der Suchenden vorbei ins Büro der Wohnungsunternehmen gebracht.

Im Laufe von 2016 wurden 30 Wohnungslose von der Wohnungslosenhilfe den drei Unternehmen Gesellschaft für Bauen und Wohnen Hannover (GBH), Gundlach Wohnungsunternehmen und der KSG GmbH vorgeschlagen. 6 Interessenten haben aus unterschiedlichen Gründen Ihre Wohnungssuche zurückgezogen. 7 Interessenten wurden nach den Vorstellungsgesprächen abgelehnt. Dafür gibt es ebenfalls nachvollziehbare Gründe. 8 Interessenten haben einen Mietvertrag erhalten und wohnen auch jetzt in ihrem neuen Zuhause. Für die restlichen Bewerber wird noch eine passende Wohnung gesucht.

8 Mietverträge sind ein Erfolg

  • 8 Menschen, die vorher ganz am Ende der Schlange standen, die Hoffnungen schon aufgegeben hatten, haben ein neues Zuhause erhalten, leben in ihren „eigenen“ vier Wänden, wo sie die Tür hinter sich zu schließen können und geschützt sind.
  • 8 Plätze in der Wohnungslosenhilfe sind frei geworden, auf denen andere 8 Menschen Hilfe erhalten können.
  • Und es bewegt sich doch etwas. Mit Engagement, persönlichem Mut und ohne zusätzlichen Geldern der öffentlichen Hand lässt sich was bewegen.
  • 8 Mietverträge, mit denen wir zeigen, dass wir die Not vor unserer Haustür sehen und handeln, egal wo der Mensch herkommt. Ein wichtiges Zeichen öffentlich und in der Gruppe der Wohnungslosen.

Nur 8 Mietverträge, das ist viel zu wenig

Über 1.000 Wohnungslose schlafen in den Unterkünften der Stadt Hannover. Auch jetzt im Winter nächtigen mehr als 100 Wohnungslose im Freien. Die Zahl der Sofaschläfer ist nicht bekannt.

Die Wohnungslosenhilfe in Hannover hat errechnet, dass sie 300 Wohnungen im Jahr benötigen, um das Problem gänzlich in den Griff zu bekommen. Zurzeit schaffen wir den Zugang zu 30 Wohnungen im Jahr. Mehr Hilfe ist nötig, gar keine Frage.

ArGeWo

Wenn wir es gemeinsam mit der ArGeWo – einem Zusammenschluss von Wohnungsunternehmen in der Region Hannover- schaffen, das jedes Mitglied nur eine Wohnung in diesem Jahr zur Verfügung stellt, hätten wir insgesamt schon über 60 Wohnungen zur Verfügung. Nun noch 20 bis 30 Neubauwohnungen und das Problem sieht schon viel kleiner aus.

Wir können das mit Engagement und persönlichem Mut schaffen.

Jürgen Schabram, Januar 2017

Weiterführende Informationen

  • Jede Wohnung hilft - Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes

    11.01.2016

    „Jede Wohnung hilft“, so Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes. 
Allerdings ist die Situation der wohnungslosen Menschen in der Stadt ausgesprochen schwierig, „diese muss beim Wohnungsbau im Blick bleiben, am besten mit einer Quote“, so Müller-Brandes. 

In den städtischen Notunterkünften für Wohnungslose wohnen aktuell etwa tausend Menschen, knapp dreihundert in stationären Einrichtungen - oft seit Jahren.

    In der Hagenstraße, der Beratungsstelle des Diakonischen Werkes Hannover werden inzwischen allein 1.000 Postadressen für Wohnungslose verwaltet.

 Für diese Menschen gibt es fast keine Wohnungen, sie sind faktisch vom Wohnungsmarkt ausgeschlossen.
 
Die Stadt ist in der Wohnbauförderung aktiv und der Wohnungsbau in Hannover boomt wie seit Jahren nicht mehr. 

Aber viele dieser neuen Wohnungen sind keine Belegrechtswohnungen, deren Zahl in den letzten Jahren stetig abgenommen hat. So fallen in Hannover jedes Jahr 300 bis 350 Wohnungen aus der Belegsrechtsbindung heraus.
 
Deshalb sind die bisherigen Instrumente der Wohnraumförderung zielgruppenbezogen zu ergänzen. 



    Auch seitens der Stadt sind Vorgaben an Investoren denkbar, wenn es um den Bau neuer Quartiere wie etwa der Wasserstadt geht. 
„Eine Anzahl an kleinen, kostengünstigen Wohnungen sollte für die große Zahl wohnungsloser Menschen vorgehalten werden“, so Müller-Brandes,  deren Zahl er in Hannover auf gut 3.000 schätzt. Die Tendenz sei steigend. Auf diese Weise bliebe eine gute soziale Durchmischung erhalten. Gleiches sollte auch beim Verkauf von städtischen Grundstücken gelten.

    Konkurrenz durch Flüchtlinge?

    Die Anfragen häufen sich: Hat die ökumenische Essenausgabe noch ausreichend Mahlzeiten zur Verfügung? Reichen die Spenden der Kleiderkammer? Wird das soziale Netz überdehnt?

    Bei uns ist klar:

    • Die Kleiderkammer ist dank vieler Spenderinnen und Spender noch gut gefüllt.
    • Die Ökumenische Essenausgabe verzeichnet statt 150 Mahlzeiten am Tag im letzten Jahr inzwischen an manchen Tagen inzwischen bis zu 300 Besucherinnen und Besucher.
    • Es sind Wohnungslose und andere Gäste, Flüchtlinge sind nicht darunter.

    Trotzdem ist es so: Wenn es demnächst darum gehen wird, kostengünstigen Wohnraum zu finden, kommt es zu einer Konkurrenz.

    Deshalb brauchen wir dringend neuen Wohnraum.

    Wir haben dazu gute Ideen:

    • ein kleiner Anteil der freiwerdenden Belegsrechtswohnungen sollte für Wohnungslose reserviert werden.
    • wir suchen Wohnraum für unsere Soziale Wohnraumhilfe. Stellen Sie Wohnraum zur Verfügung, garantieren wir Ihnen 20 Jahre Miete und Mieter. Wir kümmern uns.
    • Haben Sie Bauland, sprechen Sie uns an, wir kooperieren mit Investoren, die Wohnungen für dann ehemals Wohnungslose bauen.

    Ihr Rainer Müller-Brandes, Diakoniepastor

    Hannover, den 7.3.2016

    Wir suchen Baugrundstücke

    Ein Haus der SWH in Hannover-Linden

    Wir – die Soziale Wohnraumhilfe – möchten gern mit unseren Partnern aus der Wohnungswirtschaft Mietwohnungen für arme Menschen bauen. Immer wieder ist von hochpreisigen Eigentums- und Mietwohnungen zu lesen, die jetzt in Hannover gebaut werden. Das ist okay, auch gut verdienende Menschen sollen in Hannover leben. Unsere Profession ist es, auf die andere Seite der Einkommensschere zu achten. Es gibt viel zu wenig kleine, preiswerte Mietwohnungen.
    Die wollen wir bauen. Dafür gibt es Fördergelder vom Land Niedersachsen und der Landeshauptstadt Hannover. Und es gibt hannoversche Wohnungsunternehmen, die aus Verantwortung für die Stadtgesellschaft in diesem Bereich investieren wollen. Sie sind die Käufer, Planer, Bauherren und Eigentümer der zukünftigen Mietwohnungen.
    Die Soziale Wohnraumhilfe übernimmt als Generalmieter die fertiggestellten Wohnungen und vermietet sie weiter an Wohnungslose, die sonst keine Chancen auf dem Wohnungsmarkt haben. Die Soziale Wohnraumhilfe übernimmt das wirtschaftliche Risiko der Vermietung und organisiert eine soziale Mieterbgegleitung. Bitte informieren Sie sich auf unserer Internetseite: swh hannover.de.
    Wir suchen Baugrundstücke oder Häuser, die zu Mietwohnungen umgebaut werden können. Wenn sie über den Verkauf solcher Objekte oder die Vergabe eines Grundstückes im Rahmen eines Erbpachtvertrages nachdenken, sprechen sie mich bitte an.
    Und wir fordern die Politik und Verwaltung der Landeshauptstadt Hannover auf, ihrerseits Grundstücke für den Bau von Wohnungen für Wohnungslose jeglicher Coleur zur Verfügung zu stellen. Das kann der Markt allein nicht richten. Wir brauchen sowohl Eigentumswohnungen als auch kleine, bezahlbare Mietwohnungen.
    JS

    Belegrechtswohnungen kontra Sozialer Wohnungsbau

    Hannover, 15. Dezember 2015

    Mein Problem mit dem Begriff „Sozialer Wohnungsbau“

    In der  ASPHALT 12_2015 und vorher schon in der HAZ wurde die Information des Niedersächischen Sozialministeriums gemeldet, dass die landeseigene Wohnbauförderung um 400 Mio. € aufgestockt und damit verzehnfacht wurde.

    Das ist gut und das ist notwendig. Dafür gibt es meinen uneingeschränkten Beifall. Als Begründung gibt Ministerin Cornelia Rundt an: Das sei in Anbetracht der aktuellen Flüchtlingssituation wichtig, „weil nicht verschiedene Bevölkerungsgruppen mit Bedarf an bezahlbarem Wohnraum gegeneinander ausgespielt werden dürfen. Ich denke dabei beispielsweise an Familien mit sehr geringem Einkommen, an Alleinerziehende und an Menschen, die körperlich eingeschränkt oder von Altersarmut betroffen sind.“ (Zitat aus der ASPHALT 12 2015, Seite 4).

    Nach einer Veröffentlichung der NBank wurden im Jahr 2014

    • Fördermittel von 34,86 Mio € verplant, mit denen 450 Wohnungen gebaut werden.
    • Allerdings sind 79% dieser Wohnungen für die mittlere Einkommensgruppe (Nettomonatseinkommen eines Alleinstehenden mehr als 1.700 €) und
    • nur 21% für die Armutsbevölkerung.
      In absoluten Zahlen ausgedrückt,
    • 355 Wohnungen für die Normalverdiener,
    • 95 Wohnungen für die Armutsbevölkerung, für die Familien mit sehr geringem Einkommen, für Alleinerziehende und für Menschen, die von Altersarmut betroffen sind.

    Für beide Förderungsgruppen wird aber der Begriff vom Sozialen Wohnungsbau benutzt.

    Das Hilfesystem ist verstopft

    Hannover, 15. Juni 2015

    Eine Situationsdarstellung vom Geschäftsführer der Jugendwerksiedlung Misburg, Christian Katterle, in der Anhörung des Sozialausschusses der Landeshauptstadt Hannover am 15. Juni 2015.

    Die stationären Einrichtungen erleben seit ca. 3 Jahren in ihrer Arbeit eine neue Wohnungsnot. Und zwar in zunehmendem Maß und in einer seit Jahrzehnten unbekannten Dimension. Die Vermittlungszahlen unserer Klientinnen und Klienten in Mietwohnungen sind drastisch eingebrochen. Hierbei geht es um Wohnungen für Ein- und Zweipersonenhaushalte, das heißt  Einzimmer- bis – je nach Größe und Preis – kleine Dreizimmerwohnungen.  Die prozentuale Höhe der Vermittlungseinbrüche in Mietwohnungen ist von Einrichtung zu Einrichtung zwar unterschiedlich, die Tendenz aber bei allen gleich.   Zur Veranschaulichung der aktuellen Situation hier die tatsächlichen Vermittlungseinbrüche am Beispiel der Jugendwerksiedlung:  die Abnahme von Wohnungsbezügen beginnt im Grunde bereits im Jahr 2009, in verschärfter Form jedoch wie gesagt vor drei Jahren, im Jahr 2012.  Im Vergleich von 2008, dem letzten stabilen Jahr, zu heute betrug der Vermittlungseinbruch rund 75 %!

    Radiointerviews zum Thema

    Radiointerviews mit Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes

    Radiointerview mit Frau Schroers GBH

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