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Seelsorge und Weihnachtsgottesdienst für Geflüchtete auf dem Messegelände in Hannover

Mit ihrer Seelsorge-Weste ist Diakonin Margarethe von Kleist-Retzow in der Messehalle gut erkennbar. Foto: Sabine Dörfel
20.12.2022

Ein Seelsorgetag auf dem Messegelände fängt für Pastor Jobst Reller mit einer Busfahrt an. Am Eingang Messe Nord besteigt er einen Shuttlebus, der ihn zur Halle mit der Erstaufnahmestelle für Geflüchtete bringt. Dann muss er durch die Corona-Testschleuse, die auch der Registrierung dient. „Niemand kommt ohne diese Sicherheits-Prozedur in die Halle“, sagt der Seelsorger der evangelischen Kirche. Seit dem Frühjahr bieten er und die Diakonin Margarethe von Kleist-Retzow sowie ein ehrenamtliches Team Geflüchteten, aber auch der Mitarbeiterschaft in der Halle, seelsorgerliche Unterstützung an.
Bevor Reller in Sichtweite der Erstaufnahmestelle den kleinen Stand aufbaut, der mit einer weithin sichtbaren „Beachflag“ als Anlaufpunkt für Seelsorge gekennzeichnet ist, hat er schon eine kleine Tour hinter sich. Ein kurzes Hallo beim Catering, ein Stopp beim Reinigungspersonal, ein erster Kontakt mit den Geflüchteten, die vor dem Tresen der Erstaufnahme warten. „Inzwischen kennt man uns“, erzählt er. „Das macht es leichter, zu uns zu kommen.“ Rund fünf Gespräche führt Pastor Reller, der auch Russischkenntnisse hat, dort an einem Nachmittag. „Es ist gut, dass ihr uns nicht allein lasst“, hört er dabei als Rückmeldung. „Die Zeit in der Erstaufnahmestelle ist mit sehr großem Stress für die Ankömmlinge verbunden“, hat er beobachtet. Die Erlebnisse der Flucht, die Konfrontation mit der Bürokratie, fehlende Privatsphäre in den Messehallen-Unterkünften und die Ungewissheit über ihr weiteres Schicksal setzten den Menschen stark zu.
Doch in einer Ausnahmesituation befinde sich auch die Mitarbeiterschaft der Messehalle, sagt von Kleist-Retzow. „Niemand darf aus Sicherheitsgründen während der Arbeitszeit die Halle verlassen, nur eine kleine Ecke zum Rauchen gibt es draußen“, berichtet sie. „Die Halle ist sparsam eingerichtet, es ist oft sehr laut dort und es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen.“ Das Security-Personal leiste Zwölf-Stunden-Schichten und verharre dabei manchmal stundenlang an einem Platz. Immer wieder finden auch Mitarbeitende den Weg zum Seelsorgestand. „Hier arbeiten Menschen aus der Landesaufnahmebehörde, es gibt die Dolmetschenden, die Security, den ASB als Organisator, das Catering, die Reinigungskräfte, die Impfteams“, zählt Reller auf. „Viele von ihnen haben selbst eine Migrationsgeschichte und was sie hier erleben, geht nicht spurlos an ihnen vorüber. Besonders berührt viele die Situation der in den Messehallen lebenden Flüchtlingskinder.“ Seelsorge der evangelischen Kirche sei auch deshalb an diesem Ort sinnvoll und notwendig, „weil wir hier als neutral wahrgenommen werden, eine Einrichtung, die keine eigenen Interessen verfolgt, sondern einfach nur für die Menschen und ihre Anliegen und Nöte da ist“, sagt von Kleist-Retzow. Sie würde sich freuen, wenn noch weitere Seelsorgerinnen und Seelsorger zu dem jetzt rund 20-köpfigen ehrenamtlichen Team dazukommen würden.  
Ein weiterer Einsatzort für Reller und von Kleist-Retzow ist die Nenndorfer Chaussee. Dort befindet sich eine Flüchtlingsunterkunft für Ukrainerinnen und Ukrainer sowie eine große Halle, in der Spenden gesammelt und weiterverteilt werden. „Die von Ehrenamtlichen geleistete Arbeit in der Spendenhalle ist angesichts des Bedarfs bei den rund 10.000 geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainern im Raum Hannover eine riesige logistische Herausforderung“, sagt Reller. Wenn er in seiner Weste mit dem Aufdruck „Seelsorge“ durch die Halle oder die Flüchtlingsunterkunft mit ihren rund 100 Plätzen geht, nimmt er sich Zeit, um zuzuhören, in Hilfsangebote weiterzuvermitteln oder auf Möglichkeiten wie Deutschkurse oder Gottesdienste hinzuweisen. So gab es Friedensandachten für die Ukraine in der Lukas- und der Marktkirche, bei denen die Geflüchteten in ihrer Muttersprache beten und singen oder mit Kerzen ihrer Angehörigen gedenken konnten. „Danke, dass ihr uns einen Ort zum Beten gebt“, äußerte ein Ukrainer dabei gegenüber Pastor Reller bewegt.   
Die Weihnachtszeit sei für viele Geflüchtete besonders schwer, weiß von Kleist-Retzow. „Sie bangen um ihre Angehörigen und sehnen sich nach ihnen“, sagt sie. „Und sie wollen ihren Kindern wenigstens ein bisschen Festfreude schenken.“ Für die Geflüchteten, aber auch für die an den Feiertagen tätigen Mitarbeitenden, bieten Kirche und Diakonie am 26. Dezember einen Weihnachtsgottesdienst in der Messehalle an. „Ein Tannenbaum schmückt die Halle, ein paar Posaunenbläser spielen und wir singen mit Gitarren- und Bandura-Begleitung“, erzählt Pastor Reller. Diakoniepastor Friedhelm Feldkamp spricht, Vertreter der Ukrainisch-Griechisch-Katholischen Kirche St. Wolodymyr gestalten die Andacht mit, die in Englisch, Deutsch und Ukrainisch gehalten wird. Am ersten Weihnachtsfeiertag lädt die Lukaskirche um 11 Uhr zu einem Weihnachtsgottesdienst für Geflüchtete aus der Ukraine ein, der auch anderen Interessierten offensteht. Auch an ihm wirken Diakoniepastor Friedhelm Feldkamp und die Ukrainisch-Griechisch-Katholische Kirche St. Wolodymyr mit, Teilnehmende können bei dem Gottesdienst in Ukrainisch und Deutsch mit Kerzen ihrer Angehörigen gedenken.
Die Seelsorge für Geflüchtete sowie andere Angebote wie die Essensausgabe, Sprachkurse, Beratung und Begleitung werden durch das Evangelische Flüchtlingsnetzwerk Hannover-Garbsen-Seelze des Stadtkirchenverbandes Hannover organisiert. Es wurde ursprünglich für die Unterstützung der Flüchtlinge gegründet, die 2015 und 2016 in großer Zahl nach Deutschland gekommen waren. Für die seit März aus der Ukraine geflüchteten Menschen hat das Flüchtlingsnetzwerk eine Reihe von neuen Angeboten entwickelt.

Autorin: Sabine Dörfel

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