Psychologische Beraterin: Corona hat Sicherheitsgefühl erschüttert

04.05.2021

Hannover (epd). Die Auswirkungen der Coronakrise werden die Menschen aus Sicht der Diplom-Pädagogin und Lebensberaterin Angela Wilhelm noch lange beschäftigen. "Wir bemerken eine Zunahme an depressiven Störungen, weil die Sicherheit und Stabilität der Menschen im Laufe des Jahres erschüttert worden ist", sagte Wilhelm dem Evangelischen Pressedienst (epd). Viele Strukturen, an denen sich die Menschen sonst orientiert hätten, seien verloren gegangen. "Wir müssen uns damit abfinden, dass wir mit Unsicherheiten umgehen müssen." Doch das gelinge nicht allen. Wilhelm ist Leiterin des Evangelischen Beratungszentrums des Diakonischen Werkes Hannover.

Angesichts von Corona suchten belastete Menschen zurzeit vermehrt die Unterstützung der Beratungsstellen, sagte sie. Darunter seien Alleinerziehende, Singles, Paare, Familien und Senioren ebenso wie Kinder und Jugendliche. Gemeinsam mit 13 anderen Beratungsstellen, die im "Arbeitskreis psychosoziale Versorgung in Hannover" vernetzt sind appelliert Wilhelm an Politik und Gesellschaft, die Beratungsstellen nicht im Stich zu lassen: "Das Aufarbeiten der Krise wird beginnen, wenn die eigentliche Pandemie bezwungen ist", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung. Die Beratungsstellen stellten sich auf "tiefgreifende Folgen" ein.

Eine besondere Herausforderung sei die Coronakrise für alleinlebende Menschen, erläuterte Wilhelm. Sie organisierten normalerweise ihr Wochenende mit Freunden oder Kultur. "Das fällt jetzt alles weg." So werde Einsamkeit zum großen Thema, besonders bei Älteren.

Die Diplom-Pädagogin rät Alleinlebenden, sich eine feste Tagesstruktur zu geben, um nicht in Depressionen zu verfallen oder gar in eine Sucht abzugleiten: "Bewegen Sie sich viel an der frischen Luft! Machen Sie Spaziergänge mit anderen Einzelnen! Pflegen Sie Kontakte über die Medien! Tun Sie Dinge, die Sie sich schon lange tun wollten, und nehmen Sie sich jeden Tag etwas vor, das Ihnen Freude macht!"

Auch Paarbeziehungen seien einer Belastungsprobe ausgesetzt. Weil Korrektive von außen fehlten und auch Ablenkung, meldeten sich bei vielen jetzt unterschwellige Konflikte, die es auch zuvor schon gegeben habe. "Für viele ist es eine große Herausforderung, das Miteinander zu organisieren und Streitereien zu bewältigen." Deshalb habe der Bedarf an Paarberatung sowie an Trennungs- und Scheidungsberatung zugenommen.

Außerordentlich schwer hätten es momentan junge Menschen in der beruflichen Findungsphase, berichtete Wilhelm. Zunehmend kämen Auszubildende in die Beratung, die ihre Lehre online gemacht und in einigen Fällen abgebrochen hätten, etwa in der Gastronomie. Ihnen mangele es an einer Perspektive. Gleiches gelte für Studenten: "Sie sitzen seit einem Jahr nur online, ohne Bezüge nach außen. Sie kommen zunehmend mit depressiven Verstimmungen."

Der Weg zurück in einen stabilen Alltag könne lang sein, sagte Wilhelm. "Die Leute müssen sich wieder herausarbeiten aus dieser Zeit, die uns alle so verwirrt hat."

epd-Gespräch: Michael Grau

epd-Service

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Arbeitskreis Psychosoziale Versorgung in Hannover: www.beratungsstellen-hannover.de

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Evangelisches Beratungszentrum, Oskar-Winter-Straße 2, 30161 Hannover

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