Projekt „Geh deinen Weg“ - hilft doppelt!

Einsatzbereit (Fotos: Anita Peuser)
27.11.2019

Menschen ohne Ansprüche aus unserem Sozialsystem leben in deutschen Städten nicht selten um den Bahnhof herum. Das führt immer wieder zu Klagen von Anwohnern und Passanten.

Im Rahmen der EU Freizügigkeit sind sie mit großen Hoffnungen gekommen, die enttäuscht wurden. So bleibt ihnen nur, sich ihren Lebensunterhalt durch das Sammeln von Pfandflaschen oder (Schwarz-) Arbeit irgendwie zu verdienen. Andere Arbeit finden Sie nicht. Suchtkrankheiten kommen dazu und eine Abwärtsspirale setzt sein. Die Verelendung nimmt zu.

Gut, dass es dann Ruhe- und Rückzugsräume wie den Kompass hinter dem Bahnhof gibt.

Als es dort etwas zu reparieren gab, meldete sich einer der Besucher des Kompasses und reparierte den Schaden - das war der Auftakt zu der Idee, Besucherinnen und Besuchern des Kompass eine Art Tagesstruktur anzubieten. Auf freiwilliger Basis, begleitet von den Sozialarbeiter_innen des Kompass,  wurde daraus das Projekt „Geh Deinen Weg“. Zwei begannen Müll um den Bahnhof zu sammeln, andere Wohnungslose sahen das und schlossen sich an - gegen eine Aufwandsentschädigung, deren Höhe bei regelmäßigem Kommen steigt.

Die Zufriedenheit steigt, Alkoholkonsum während der Arbeit findet nicht mehr statt und alle Beteiligten sind dankbar, dass man den Tag nicht mehr nur irgendwie hinter sich bringen muss. Gleichzeitig erleben Passanten und Anwohnende, dass sich hier Menschen, die die gleichen Träume und Hoffnungen wie alle haben, engagieren und für die Allgemeinheit einbringen.

Aus unserer Sicht ein Modellprojekt, das Schule machen kann: Tagesstruktur, ein Recht auf sinnvolle Betätigung, Zufriedenheit und ein damit einhergehender geringerer Alkoholkonsum bei EU Bürgerinnen und Bürgern, die sich hier aufhalten-  und gleichzeitig mehr Akzeptanz bei Anwohnenden, mehr Sauberkeit für alle, die sich rund um den Bahnhof aufhalten.

Gut, dass wir so auf dem Weg sind..

Unter diesen Menschen gibt es eine Zweiklassengesellschaft:
Diejenigen, die Anspruch an unser soziales Netz haben. Und diejenigen, die ohne jeglichen Leistungsbezug hier sind. Und ihren Lebensunterhalt durch Spenden oder Pfandflaschensammeln irgendwie hinbekommen müssen. Oder um es kurz zu sagen: Walter hat Anspruch, Valentin nicht.

Die Menschen sind aber hier. Sie hoffen weiter. Und als Stadtgesellschaft sollten wir versuchen, ihnen zu helfen und sie zu unterstützen. Es sind Menschen wie Du und ich.

Wir wissen natürlich um die andere Perspektive.Manche fühlen sich durch Verhaltensweisen wohnungsloser Menschen gestört. Sauberkeit, Sicherheit, Ruhestörung sind entsprechende Stichworte. Manche, Viele fühlen sich gestört vom Anblick der Menschen, die sich hier wie überall in Deutschland rund um den Bahnhof aufhalten.

Deshalb dieses Projekt: Geh Deinen Weg. Für mich ist dieses Projekt beispielhaft. Wir und die Mitwirkenden zeigen mit diesem Projekt, wie es gehen kann. Um sowohl den betroffenen Menschen rund um den Bahnhof gerecht zu werden, als auch den Menschen, die sich von ihnen gestört fühlen.

Wir brauchen viel mehr solcher Projekte.

 

Rainer Müller-Brandes

Diakoniepastor

 

Mehr zum Ruheraum Kompass hier...

Weitere Fotos

Rainer Müller-Brandes, Diakoniepastor, Juri Sladkow, Sozialarbeiter im Kompass (ZBS)
Am Raschplatz
In den Stadtteilen

befinden sich Einrichtungen der Diakonie

Menschen in Stadt(-teil) und Gemeinde