Praktische Arbeit bringt Jugendlichen nötige Erfolgserlebnisse

Ali B. lernt von Garten- und Landschaftsbauerin Farina Herbst die richtige Pflege der Pflanzenstecklinge. Foto: Sabine Dörfel
14.04.2022

Beete umgraben, Komposterde sieben und Stecklinge gießen, das macht Ali B. alles gerne. Trotzdem träumt er von einem Wald, den er hegen und pflegen kann. Als Forstwirt, das ist sein Berufsziel. Noch schreibt der 22-Jährige Bewerbungen für Praktika, unterstützt von den Sozialpädagoginnen und -pädagogen der Jugendwerkstatt Garbsen. Ali B. ist einer der 28 jungen Menschen, die in Arbeit oder Ausbildung vermittelt werden sollen und aufgrund verschiedener Hemmnisse bisher nicht in einem Beruf Fuß fassen konnten. Mohammed A. beispielsweise hat seine theoretische Friseurprüfung zweimal nicht geschafft, jetzt sucht der 25-Jährige nach einer neuen Perspektive. Den beiden jungen Männer gefällt die Arbeit auf dem großen Außengelände der Jugendwerkstatt, gerade im Frühjahr hat Garten- und Landschaftsbauerin Farina Herbst viel zu tun für sie.

Die Fachanleiterin und ihr Kollege, Agrarwissenschaftler Viktor Wolf, sind Teil des zehnköpfigen Teams der 1984 gegründeten Jugendwerkstatt, die seit diesem Jahr zum Diakonischen Werk Hannover gehört. In ihrem Gastronomie-, Hauswirtschafts- und Gartenbereich können die Jugendlichen neue Berufsfelder praktisch erproben. „Neben der Berufsorientierung geht es aber auch wesentlich um persönliche Stabilisierung“, berichtet Sozialpädagogin Astrid Sillmen. „Wer vermittelt über das Jobcenter zu uns kommt, hat meist schon entmutigende Erfahrungen gemacht.“ Bis zu einem Jahr, vereinzelt auch länger, kann die Maßnahme für die jungen Menschen zwischen 18 und 25 Jahren dauern. Neben der Fachpraxis stehen allgemeinbildender und Sprachunterricht sowie Fachtheorie auf dem Wochenplan. Und dann vor allem Gespräche. „Die Jugendlichen haben vielfältige Schwierigkeiten“, beschreibt Sillmen. Psychische Beeinträchtigungen wie beispielsweise Angststörungen, Traumata, Depressionen oder Entwurzelung durch Flucht und Obdachlosigkeit. „Wir leisten hier eine sehr individuelle Arbeit“, sagt die erfahrene Pädagogin. „Manche Jugendlichen schaffen es nicht, morgens aufzustehen, dann fahren wir auch schon mal hin. Andere haben große soziale Ängste und Kontaktschwierigkeiten, dann gehen wir mal längere Zeit nur mit ihnen allein spazieren.“                 

Auch wenn ihr Klientel herausfordernd ist und die Arbeit einen langen Atem braucht, „haben wir eine sehr gute Erfolgsquote“ berichtet Sillmen. Neben der persönlichen Zuwendung sind es die praktischen Erfolgserlebnisse, die den Jugendlichen Auftrieb geben. Die Jugendwerkstatt ist zudem ein kleiner ökologischer Kosmos, in dem die Jugendlichen an sinnhaften Kreisläufen teilnehmen können. In der Gärtnerei ziehen sie Blumen, Obst und Gemüse, das entweder in der Gastronomie verwendet oder im Hofladen verkauft wird. Aus den Küchenabfällen entsteht der Kompost für die Pflanzerde, es gibt eine eigene Wasserversorgung, gedüngt wird mit Schaf- oder Pferdemist vom Nachbarn. Auch der Umgang mit Kunden wird geübt, beispielsweise bei den Außenaufträgen des Garten- und Landschaftsbaus. „Wir pflegen die Grünanlagen von Großkunden wie dem Wasserverband Garbsen-Neustadt, aber auch örtlichen Kirchengemeinden oder Privatleuten“, erzählt Herbst.

Alle Praxisbereiche der Jugendwerkstatt packen mit an, wenn der Hofladen im Frühjahr öffnet wie dieses Jahr mit einem Tag der Offenen Tür am Dienstag, 26. April, von 10 bis 12 Uhr. Besucherinnen und Besucher können dort Stauden, Gemüse- und Küchenpflanzen kaufen, selbstgebackenen Kuchen genießen und das Gelände samt den Gewächshäusern, Kräuterbeeten, Bienenstöcken und der Obstwiese erkunden. Bis in den Herbst hinein hat der an einer Fahrradausflugsroute gelegene Laden jeweils dienstags und donnerstags von 13.30 bis 15.30 Uhr geöffnet. Auf eine Besonderheit weist Herbst hin: „Wir arbeiten mit nicht-genmanipuliertem Saatgut, so können die Kunden aus unseren Pflanzen später eigene ziehen.“  

„Auch wenn die berufliche Vermittlung oberstes Ziel ist, gibt es Jugendliche, für die das eine noch zu große Hürde ist“, sagt Sillmen. Mit dem neuen Angebot „Sprungbrett“ will die Jugendwerkstatt deshalb junge Menschen erreichen, „die durch alle Hilferaster fallen, nicht zu Ämtern gehen oder an Maßnahmen teilnehmen“. Mit einer Kontaktstelle in Garbsens Innenstadt und aufsuchender Sozialarbeit bieten drei Sozialpädagoginnen und -pädagogen diesen Jugendlichen niedrigschwellig Unterstützung an. „In der Corona-Zeit hat sich die Zahl der Jugendlichen mit psychischen und sozialen Hemmnissen deutlich erhöht“, blickt Sillmen zurück. „Hier sind wir als diakonische Einrichtung besonders gefragt und nicht zuletzt durch unsere knapp vierzigjährige Erfahrung in der Jugendwerkstatt auch gut aufgestellt.“     

Information: Die Hofladenadresse ist: Zur Hahnmühle 97, 30827 Garbsen.

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