"Nächstenliebe schließt Hetzreden aus."

Marktkirchenpastorin Hanna Kreisel-Liebermann
22.05.2017

Hanna Kreisel-Liebermann, Marktkirchenpastorin, am 20.5.2017 im Rahmen der DGB-Kundgebung gegen die AFD auf dem Opernplatz.

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freundinnen und Freunde, sehr geehrte Damen und Herren.

danke, dass Sie und Ihr seid. Danke an Euch und Sie alle, die schon geredet haben ...

In 13 Bundesländern ist die Partei, die sich Alternative für Deutschland nennt, nun vertreten. Das sind 13 zu viel.

Wir leben in einer Demokratie.  Viele Parteien stehen zur Wahl und das ist gut so.

Die AfD, die sich großspurig Alternative für Deutschland ist, vertritt Positionen, die wir rechtspopulistisch nennen. Sie ist ein Sammelbecken Vieler, in ihr gibt es Menschen, die der NPD nahestehen und jene, die, weil sie  enttäuscht sind von den großen Parteien, die vermeintlich innovative AfD gewechselt sind. Die Personen, die zur Wahl stehen, irritieren immer wieder durch Beiträge aus, die nicht nur die Grenzen des guten Geschmacks überschreiten. Ich erinnere an Beatrix von Storchs Aufruf, auf die Flüchtlinge an der Grenze zu schießen, den sie später modifiziert hat: nicht auf Kinder !
Die Zahlen zeigen, dass es den Rechtspopulisten  gelingt, Menschen zu faszinieren, indem sie ihre Angst ausnutzen:  Fremden, vor Komplexität und davor, zu den Verlierern zu gehören. Die Afd sammelt die latent und offen rassistisch und antisemitisch und antiislamisch eingestellten.  Hier auf dem Operplatz steht das Mahnmal für die deportierten und gemordeten Juden und Jüdinnen.  Es mahnt mich und uns, dass nie wieder Menschen in unserem Land wegen ihrer Herkunft oder Religion, wegen ihrer sexuellen Orientierung oder der politischen Einstellung verfolgt werden.

Die AfD betont, sie wolle besonders Familien fördern, die viele Kinder haben. Das erinnert mich an die Prämien, die es von 1933-1945 für Mütter gab, die das vierte und weitere Kinder bekamen.

Die AfD vertritt ein Familienbild, das ein Rückschritt gegenüber der  derzeitigen Realität und Vielfalt, gegenüber Frauenrechten  und der Akzeptanz von  Minderheiten ist. 

In der AfD gibt eine Gruppe, die sich Christen in der AfD nennt. Deren Vorsitzende Anette Schultner wird auf dem Kirchentag in Berlin  mit dem Berliner Bischof Markus Dröge sprechen. Das ist umstritten. Auf dem Katholikentag waren keine AfD Politiker/innen als Redende eingeladen, wohl aber als Teilnehmende.

Die Begründung des Katholikentages war, dass die  AfD gegen zentrale Werte der katholischen Kirche hetze.

Anette Schultner streitet,  ich zitiere „für die großen christlichen Kernthemen Lebensrecht des ungeborenen Kindes, Begleitung und Betreuung Sterbender statt Beihilfe zum Suizid, starke Familien, gegen Christenverfolgung, für den Schutz der traditionellen Ehe – also Ehe von einem Mann mit einer Frau“.

Und wie interpretiert sie das Gleichnis vom barmherzigen Samariter? Ich zitiere: „Es betont die Notwendigkeit persönlicher Hilfe, zu der niemand gezwungen oder durch die ein ganzes Land in Geiselhaft genommen wird. (Aus Der Tagesspiegel, online 5.4.2017)

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

dieser Kreis vertritt jene Christen, die fundamentalistisch argumentieren und z.B. in den USA militant gegen Kliniken vorgehen, in denen Schwangerschaftsabbrüche gemacht werden.

Die Aussage, dass „ein ganzes Land in Geiselhaft“ genommen werde – was haltet Ihr, was halten Sie davon?

Das ist der Tonfall der AfD.

Geiselhaft ist eine kriminelle Tat. Wer nimmt hier wen in Geiselhaft? Wer ist der Täter? Der wird nicht benannt, aber Assoziationen geweckt.  … Vermutlich meint sie Flüchtlinge ….

Anette Schultner orientiert sich offensichtlich Nicht an der Bergpredigt Jesu und an dessen Nächstenliebegebot, das keinen Unterschied macht.

Sie sagt in einem Interview, dass der Kirchentag ein Missionstag sein solle und die Bibel mehr zu Wort kommen solle. Wissen Sie, wieviel Bibelarbeiten es auf dem Kirchentag gibt? Mehr als 100 an drei Tagen.

Ich bin gespannt, ob sich Anette Schultner an die Regeln des Diskurses auf dem Kirchentag: Nichts Diskriminierendes zu sagen, hält.

Und, was sie dazu sagt, dass ihre Partei zum Kirchenaustritt aufruft, weil die Kirchen sich zu sehr für Flüchtlinge und eine vielfältige Gesellschaft einsetzten. Ich bin skeptisch.

Ich betone noch einmal, liebe Freundinnen und Freunde, die AfD ist nicht einfach eine andere Partei.

Ihr Parteiprogramm 2016 und 2017 offenbart, dass sie mit Annahmen, Vorurteilen und Verschwörungstheorien arbeitet.

Ich zitiere aus dem Parteiprogramm Kapitel 9, Absatz 1.: Multi-Kultur“ ist Nicht-Kultur oder Parallelität von Kulturen und damit Ausdruck von Parallelgesellschaften, die stets zu innenpolitischen Konflikten und zur Funktionsunfähigkeit von Staaten führen.

Sie schürt die Angst, dass der Bürgerkrieg vor der Tür stehe und unser Staat funktionsunfähig werde.

Die Maßnahmen sollen sein: Grenzen dicht machen, aber auch die Beendigung des Ausstieges aus der Atomenergie, Ausstieg aus der Weltklimakonferenz und deren Verabredungen nach Paris 2015.

Nicht alles ist gut in Deutschland.  

Die Schere zwischen Arm und Reich wird größer, Leidtragende sind Kinder, Alleinerziehende, zahlreiche Rentnerinnen und  MigrantInnen.

Heute Abend gibt es ein Konzert, eine Komposition zum Thema „Arm und reich“.   Fotos von Karin Powser sind zu sehen, sie war selbst einmal obdachlos und ist Autorin im Magazin Asphalt sowie leidenschaftliche Fotografin. Die Fots zeigen Menschen, die auf der Straße leben, betteln und ein „reales“ Nachtlager, kein Obdach, sondern draußen. Das erschüttert und muss erschüttern, damit wir diese Schattenseiten unserer Gesellschaft, unserer Stadt sehen, darüber reden, Not lindern und uns für Gerechtigkeit einsetzen.  Dafür sind wir als Kirche da: als Mahnende und als Helfende, als Stimme derer die keine Stimme haben.

Nächstenliebe schließt Hetzreden aus!

Im Juni letzten Jahres haben wir zusammen am Platz der Göttinger Sieben gestanden und geredet. Damals habe ich erzählt von den Aktionen gegen die Legida.  „Leipzig nimmt Platz“ war eine von diesen.

Das Bündnis war  erfolgreich! Es gibt keine Legida-Spaziergänge mehr auf dem großen Martin-Luther-Ring.

Wir werden auf dem Kirchentag gemeinsam einig auf der Bühne stehen, Leipziger und Hannoveraner unter dem Motto „bunt statt braun“, der Pastor der Peterskirche und ich, Werner Preissner und Irina Rudolph-Kokot. Als Partnerstädte und als Bündnisse gegen Rechts stellen wir uns gegen die AfD, Legida und andere, die rechtspopulistisch und rechtsextremistisch reden und agieren.

Unser Hannover ist bunt und solidarisch. Dass das so bleibt, darum stehe ich hier – mit Euch und Ihnen zusammen!

Danke!

 


Weitere Fotos

Hanna Kreisel-Liebermann mit Rolf Wernstedt, eh. Nds. Landtagspräsident, ebenfalls Redner der Veranstaltung.
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Menschen in Stadt(-teil) und Gemeinde