Jugendmigrationsdienst der Diakonie kümmert sich um geflüchtete Heranwachsende

Diana Badran Haji übt fast jeden Tag an einem Perückenkopf für ihre Ausbildung zur Friseurin. Foto: Sabine Dörfel
27.07.2021

Wenn sie sich in einer Berufsschulklasse vorstellen, müssen Frank Hülsemann und Frank Enge ihren Terminkalender dabeihaben. „Oft bestürmen uns die Jugendlichen schon in der Stunde mit Fragen und wir vereinbaren dann mit ihnen eine Sprechstunde“, sagen die beiden Mitarbeiter des Jugendmigrationsdienstes. In den Büros der Diakonie Hannover kann dann in aller Ruhe besprochen werden, wo der Schuh drückt. Ein Schreiben vom Jobcenter oder der Ausländerbehörde ist unverständlich oder sogar bedrohlich, die Krankenkasse verlangt Unterlagen, ein Kündigungsschreiben ist ins Haus geflattert. Hülsemann und Enge hören zu, beruhigen und handeln schnell, wenn es nötig ist.

„Der Jugendmigrationsdienst der Diakonie ist eine Anlaufstelle für junge Menschen, die mit ihren Problemen überfordert sind und Hilfe brauchen“, sagt Hülsemann. Seit mehr als 30 Jahren beraten er und sein Kollege Enge Heranwachsende in allen Lebensbereichen oder verweisen sie an weiterführende Beratungsstellen. Diana Badran Haji ist froh, dass sie sich jederzeit an Frank Enge wenden kann. In ihrer Ausbildung zu ihrem Traumberuf Friseurin läuft zwar alles gut, aber vor Behördenbriefen hat sie schon mehr als einmal kapituliert. „Ich fotografiere die dann und schicke sie sofort an Frank“, erzählt Haji, die 2016 aus dem Irak geflüchtet ist. Einmal musste der Sozialarbeiter sogar quer durch Deutschland telefonieren, zwei Krankenkassen und mehrere Sachbearbeiter miteinander verknüpfen, bis eine drohende Nachzahlungsforderung von mehreren tausend Euro vom Tisch war.
Tiefbauarbeiter Hassan kam in einer Lebenskrise zu den Beratern des Jugendmigrationsdienstes. Er hatte seine Arbeit verloren, brauchte dringend eine neue Wohnung, stand ohne eigenes Verschulden mit mehreren hundert Euro bei den Stadtwerken in der Kreide und verzweifelte an dem Ausfüllen des Arbeitslosengeldantrages. Hülsemann brachte seine Finanzen in Ordnung, regelte die Stadtwerke-Forderung und half beim Ausfüllen des Antrags. „Seit ich bei Ihnen bin, kann ich wieder schlafen“, sagte der junge Mann aus dem Sudan, der inzwischen eine neue Stelle, eine bessere Wohnung und wieder Lebensmut hat.

„Viele unserer Klienten sind uns sehr dankbar“, sagen die insgesamt fünf Sozialarbeiter, die für den Jugendmigrationsdienst arbeiten. „Denn wir haben es hier weniger mit Mittelschichtsklienten zu tun, die sich selbst zu helfen wissen, sondern mit jungen Menschen, die die komplexen Anforderungen unserer Gesellschaft oft nicht bewältigen können.“ Der größte Teil der überwiegend männlichen Klienten hat eine Migrationsgeschichte. „Ihre größte Hürde ist das Erlernen der deutschen Sprache“, sagt Enge. Wie auch in den vergangenen Jahren bietet der Jugendmigrationsdienst deshalb in den Sommerferien wieder Sprachkurse an. Vom 26. bis zum 30. Juli und vom 23. bis 27. August können insgesamt 18 junge Menschen an ganztägigen Sprachkursen in den Bemeroder Räumen des Jugendmigrationsdienstes teilnehmen. Ist schon die Sprache eine Hürde, sind die Schwierigkeiten im Umgang mit Ämtern und Behörden das nächste Problem junger Menschen mit Migrationsgeschichte. Prekäre Wohnsituationen, fehlende Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten erschweren ihnen weiter den Weg in ein geregeltes Leben. Oft gibt es keine unterstützende Familie im Hintergrund, wie bei den jungen, unbegleiteten Flüchtlingen, oder die jungen Heranwachsenden sind selbst schon Eltern und müssen sich noch um alle Belange ihrer Kinder kümmern.

Über mangelnden Zulauf können sich Hülsemann und Enge nicht beklagen. „Unsere Adresse wird per Mundpropaganda weitergegeben“, sagt Hülsemann. Schnell hatte sich auch herumgesprochen, dass der Jugendmigrationsdienst während der Corona-Zeit fast durchgehend direkt erreichbar war. „Wir können unsere Klienten nicht per Videokonferenz beraten, es braucht den persönlichen Kontakt“, sagen die Sozialarbeiter. „Unsere Jugendlichen haben unter den Corona-Einschränkungen besonders gelitten. Es gab deutlich weniger Praktikums- und Ausbildungsmöglichkeiten, die Behörden waren schlecht erreichbar und das Sprachenlernen stockte, das hat sie in ihrem Integrationsprozess stark zurückgeworfen.“ Auch wenn Hülsemann und Enge erfahrene Berater sind, „gehen uns manche Geschichten unserer Klientinnen und Klienten schon nah“, räumen sie ein. Doch sehr konkret und erfolgreich helfen zu können, motiviert das Team des Jugendmigrationsdienstes immer wieder.

Gerne hätten die Mitarbeiter auch Jubiläen gefeiert, die sich im vergangenen Jahr gehäuft haben, doch das war wegen der Corona-Pandemie nicht möglich. Vor 25 Jahren wurde das Zweigstellenbüro des Jugendmigrationsdienstes im Stadtteil Bemerode eingerichtet, seit 20 Jahren betreibt der Dienst eine Sprachförderung und in den vergangenen 15 Jahren wurden in Sommer- und Herbst-Sprachferienkursen rund 500 Jugendliche unterrichtet. Der Jugendmigrationsdienst selbst wurde als Jugendgemeinschaftswerk vor 75 Jahren, im Jahr 1946, gegründet. Anfangs für DDR-Übersiedler, dann kamen Aussiedler aus der Sowjetunion, Flüchtlinge aus dem Ländern des ehemaligen Jugoslawien und schließlich die Kriegsflüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten.  „Schade, dass wir unsere Jubiläen nicht größer feiern konnten“, sagen Hülsemann und Enge. Zufrieden sind sie trotzdem, denn „wichtig war, dass wir im vergangenen Jahr für unsere Jugendlichen da sein konnten, um ihnen über die Corona-Zeit zu helfen.“

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Menschen in Stadt(-teil) und Gemeinde