Wie umgehen mit Bettlern in der Innenstadt?

10.10.2016

 

Ein  Plädoyer für mehr Toleranz

Mehr als 3000 Menschen sind in Hannover wohnungslos, etwa 300 leben auf der Straße, im Winter etwas weniger.

Sie schlafen unter Brücken oder in den Eingangsbereichen von Kaufhäusern, so lange sie geschlossen haben. Das Leben auf der Strasse ist hart, manche stellen sich gerade in kalten Nächten den Wecker, stehen immer wieder auf, um nicht allzu kalt zu werden oder zu erfrieren.

Entsprechend ist die Lebenserwartung Obdachloser deutlich geringer, sie liegt geschätzt bei 45 Jahren. Einige von ihnen betteln tagsüber in der Innenstadt.

1974 ist das Bettelverbot in Deutschland nach hundertjähriger Dauer abgeschafft worden. Das ist richtig so. Seitdem urteilen Gerichte, dass die Gesellschaft den Anblick von Armut in ihrer Mitte zu ertragen hat.

Ich kenne keinen Menschen, der gerne bettelt. Stundenlang zu sitzen, auf Almosen angewiesen zu sein, sich manchmal auch Beschimpfungen anhören zu müssen, ist harte Arbeit.

Armut ist Teil unserer Welt, wir müssen ihre Anwesenheit mindestens ertragen. Forderungen, dass Wohnungslose und andere sich nicht in der Innenstadt aufhalten sollen, weil sich andere in ihrem Kaufverhalten gestört fühlen, sind unangemessen.

Jeder Mensch hat das Recht, sich im öffentlichen Raum aufzuhalten, wo er möchte. Das gilt eben genauso für Menschen, die sich nach dem  Einkaufen in kein Wohnzimmer zurückziehen können, einfach weil sie keines haben.

Jeder, der bettelt, versucht, möglichst viel Geld zu erhalten. Dafür werden auch Marketingstrategien angewandt. Das ist für die Innenstadt nichts Unbekanntes. Junge Frauen verteilen in der Fussgängerzone Werbung, sie gehen dabei offensiver als die meisten Bettler vor. Klagen darüber gibt es nicht.

Ärgerlich sind sog. mafiöse Bettlerstrukturen, die vermutet werden. Über Frauen, die mit kleinen Kindern im Arm betteln, mag sich mancher ärgern. Ärgerlicher aber ist die hohe Quote der Kinderarmut auch in unserer Stadt. Doch darüber wird kaum gesprochen.

Aufdringliche Bettler werden seitens der Stadt angesprochen. Das ist richtig so. „Gute“ von „ nicht guten“ Bettlern, Arbeitsunwillige von wirklich Armen zu trennen, funktioniert aber nicht. Deshalb ist es gut, dass es jedem von uns frei steht, etwas zu geben oder nicht.

Wer unsicher ist, ob eine Spende auf der Straße wirklich hilft, kann viele Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe mit einer finanziellen Hilfe unterstützen. Dort kommt die Spende sicher den Betroffenen zu Gute und dort wird sie auch dringend gebraucht.

Von daher ist die Aufregung aus meiner Sicht überzogen.

Rainer Müller-Brandes
Diakoniepastor

 

In den Stadtteilen

befinden sich Einrichtungen der Diakonie

Menschen in Stadt(-teil) und Gemeinde