Ersatzfreiheitsstrafen sind ein teurer Unsinn!

Üstra-Haltestelle Königsworther Platz
09.02.2018

Wer wiederholt ohne gültiges Ticket fährt, begeht eine Straftat und muss Geld zahlen. Besonders Menschen in Not können dies aber nicht aufbringen und müssen ins Gefängnis. Das Diakonische Werk Hannover fordert, diese Ersatzfreiheitsstrafen abzuschaffen.

Hannover (epd). Mike Hoffmann war insgesamt mehr als drei Jahre im Gefängnis, weil er sich das Zug-Ticket nicht leisten konnte und wiederholt schwarz gefahren ist. Mehr als anderthalb Jahre davon saß er am Stück ein - mit weitreichenden Folgen. "Ich habe meine Wohnung verloren, meine Möbel verloren, meinen Hund verloren und bin obdachlos", sagte der 41-Jährige. Mehrfaches Schwarzfahren gilt als Straftat und wird mit Geldstrafen geahndet. Wer nicht zahlen kann, muss stattdessen in Haft. Ein falscher Weg, kritisierte die Diakonie am Mittwoch in Hannover.

"Solche Ersatzfreiheitsstrafen sind ein teurer Irrsinn", sagte der hannoversche Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes. Viel zu häufig landeten Menschen wegen der Bagatelldelikte im Gefängnis. Das träfe vor allem Menschen in sozialer Not. Schwarzfahrten sollten als Ordnungswidrigkeiten gewertet werden. Bundesweit ist Müller-Brandes zufolge jeder zehnte Haftplatz von Schwarzfahrern belegt, die oft nur eine kurze Freiheitsstrafe absitzen müssten.

Für die öffentliche Hand bedeute dies einen riesigen finanziellen Aufwand, der die fälligen Geldstrafen bei weitem übertreffe, sagte der Diakoniepastor. Nach Recherchen des ARD Magazins Monitor summierten sich die Kosten auf 200 Millionen Euro pro Jahr. Für diejenigen, die ins Gefängnis müssten, seien die emotionalen Belastungen hoch. Sie bräuchten Hilfe statt Strafe.

Mike Hoffmann war mit seiner Freundin nach Hannover gezogen. Nach der Trennung und dem Tod seines Vaters fiel er in ein Loch, berichtete er. Auch Alkohol war ein Problem. Er lebte von Hartz-IV, für Fahrten zur Familie hatte er kein Geld. "Ich hatte keinen in Hannover, damit hat das alles begonnen." Als er das erste Mal wegen Schwarzfahrens verhaftet wurde, hätte er eine Gefängnisstrafe vielleicht noch verhindern können, das weiß er heute. "Aber ich habe mich nicht gekümmert."

Zur Haft gebe es bereits Alternativen, unterstrich der Sozialarbeiter Peter Thomsen von der Straffälligenhilfe Resohelp in Hannover. Die unter anderem von Diakonie, Caritas und der Stadt Hannover getragene Beratungsstelle unterstützt Betroffene, indem sie zum Beispiel eine gemeinnützige Arbeit vermittelt, die an die Stelle der Strafe treten kann. Mit dem seit 2010 in Niedersachsen verankerten Projekt "Geldverwaltung statt Vollstreckung" versucht sie alternativ auch Raten zu ermitteln, die die Betroffenen vielleicht doch aufbringen können.

Insgesamt fast 1.990 Hafttage blieben allein im vergangenen Jahr den Klienten von Resohelp in der Region Hannover dadurch erspart. Damit seien rund 293.360 Euro Haftplatzkosten gespart worden, rechnete der Sozialarbeiter vor. Es sei sinnvoll, die Hilfsangebote weiter auszubauen. Diakonie und Resohelp forderten zudem, über eine alternative Finanzierung des öffentlichen Nahverkehrs nachzudenken, um Menschen mit wenig Geld zu entlasten. Auch um Hilfsangebote nutzen zu können, seien sie auf öffentliche Verkehrmittel angewiesen.

epd lnb mir mil

# epd-Service

In den Stadtteilen

befinden sich Einrichtungen der Diakonie

Menschen in Stadt(-teil) und Gemeinde