Eine Stele für die Namenlosen

Gerd P. besucht die Stelle auf dem Friedhof Stöcken, wo seine Lebensgefährtin anonym bestattet wurde. Foto: Ursula Neubacher
16.11.2020

Auf einen Namen wird Gerd P. besonders warten, wenn er am Totensonntag in der Marktkirche sitzt und die anonym Bestatteten dieses Jahres verlesen werden. Ingrid S. starb an einem Maimorgen in den Armen ihres langjährigen Partners, nur vier Tage nachdem die beiden erstmals eine gemeinsame Wohnung bezogen hatten.

Von ihr verabschieden konnte sich Gerd P. nicht. Er erfuhr weder den Tag noch den genauen Ort ihrer anonymen Beisetzung. Denn die mittellose Ingrid S. erhielt eine Ordnungsamtsbestattung. Nicht verheiratete Partner, Freunde oder enge Weggefährten von Verstorbenen erhalten von der Stadt keine Auskunft über die näheren Umstände einer anonymen Beerdigung, die vom Ordnungsamt organisiert wird. Immer dann, wenn ein Toter keine Angehörigen mehr hat oder diese eine Beisetzung nicht finanzieren können und sich auch sonst niemand um die Bestattung kümmert, übernimmt das städtische Ordnungsamt die Beerdigung. Mit der Durchführung werden dann lokale Bestattungsunternehmen beauftragt. 

Kleine Trauerfeier in der Kreuzkirche

Gerd P., der lange wohnungslos war, konnte die Beisetzung seiner Lebensgefährtin nicht bezahlen. Doch er hätte ihr gerne das letzte Geleit gegeben. Dass es dann eine kleine Trauerfeier in der Kreuzkirche mit Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes gab, hat er Ursula Neubacher und Jessica Bosse zu verdanken. Die beiden Sozialpädagoginnen der Zentralen Beratungsstelle des Diakonischen Werkes kennen Ingrid S. und Gerd P. schon seit Jahren. „Gerd P. war von Trauer überwältigt“, sagt Neubacher. „Wir wollten einen würdigen Rahmen für den Abschied von seiner Partnerin schaffen, ebenso für uns Betreuerinnen wie auch für Angehörige der Wohnungslosen-Szene, die Ingrid P. gekannt hatten.“

Anonyme Bestattungen ohne Abschiedsworte

Rund 350 Verstorbene werden in Hannover auf diese Weise jährlich anonym bestattet. „Das ist pro Tag eine oder einer“, sagt Rainer Müller-Brandes, seit Oktober hannoverscher Stadtsuperintendent. Er prophezeit steigende Zahlen in den kommenden Jahren. Zunehmende Einsamkeit und Isolation, kleinere und auseinanderbrechende Familien, aber auch der Wunsch, Angehörigen nicht mit der Grabpflege zur Last zu fallen, seien die Gründe dafür. In der Regel findet eine anonyme Bestattung als Urnenbeisetzung auf speziell ausgewiesenen Rasenplätzen der städtischen Friedhöfe statt. Meist werden einige Urnen gesammelt, der Tag ihrer Beisetzung wird dann von der Friedhofsverwaltung festgelegt.  „Es gibt keine Feier, keine Abschiedsworte und keine Trauergäste“, sagt Müller-Brandes. „Das entspricht nicht der christlichen Sicht auf den letzten Weg des Menschen.“

Ort des Gedenkens für anonym Bestattete

Die Bestattungskultur zeige den Entwicklungsgrad einer Gesellschaft, „besonders im Umgang mit denen, die nichts haben“, ist der Stadtsuperintendent überzeugt. Zwar sei nachvollziehbar, dass die Stadt bei den Ordnungsamtsbestattungen auch wirtschaftliche Faktoren berücksichtigen müsse, doch „es sollte eine Möglichkeit und einen Ort des Gedenkens für anonym Bestattete geben“. Dies könne beispielsweise eine Stele auf dem Friedhof sein, auf der ihrer gedacht werde. Müller-Brandes freut sich, dass Sabine Tegtmeyer-Dette, als Hannovers Wirtschafts- und Umweltdezernentin für die Friedhöfe zuständig, dem Vorschlag positiv gegenübersteht. „Wir haben jetzt vereinbart, dass Kirche und Stadt gemeinsam über eine würdige Andachtsstätte für anonym Bestattete nachdenken werden“, berichtet der Stadtsuperintendent.

Ökumenische Andacht am 18. November

Die Kirchen belassen es nicht bei einem Appell an die öffentliche Hand. Seit Jahren werden beispielsweise die Namen der in einem Jahr verstorbenen Wohnungslosen am Totensonntag in der Marktkirche verlesen. In der Krypta der Clemenskirche gibt es ein Buch, in der Namen Verstorbener eingetragen werden können, später laufen diese auf einer permanenten Videoinstallation. Eine ökumenische Andacht feiern Stadtsuperintendent Rainer Müller-Brandes und Propst Christian Wirz am Morgen des Buß- und Bettags, am 18. November, vor dem Kontaktladen Mecki in der Passerelle. Dort gedenken sie zusammen mit Angehörigen der Wohnungslosenszene der diesjährig Verstorbenen. Dass auch Andachten für anonym Bestattete in Kirchen gehalten werden, so wie für Ingrid S., muss keine Ausnahme bleiben. „Wenn es Bedarf gibt, sind wir da“, sagt Stadtsuperintendent Rainer Müller-Brandes.      

Sabine Dörfel
Öffentlichkeitsreferentin Stadtkirchenverband Hannover

        

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