Anfangs nur heimlich zur Therapie

Für die Probleme ihres Klienten Arthur N. hat Suchttherapeutin Ursula Neubacher ein offenes Ohr. Foto: Sabine Dörfel
27.08.2019

„Am Anfang sind meine Klienten noch heimlich zu mir gekommen, keiner durfte es wissen“, sagt Suchttherapeutin Ursula Neubacher. „Inzwischen sagen sie selbstbewusst ‚Ich gehe jetzt zu meiner Therapeutin‘.“ Am Anfang, das war vor zehn Jahren. Die Sozialarbeiterin Neubacher arbeitete da bereits seit 13 Jahren im diakonischen Kontaktladen „Mecki“ für Wohnungslose in Hannover. „Uns wurde zunehmend klar, dass wir ein niedrigschwelliges Angebot für alkoholkranke Wohnungslose schaffen mussten“, erzählt Neubacher, die sich zur Suchttherapeutin fortgebildet hat. Das herkömmliche Alkohol-Hilfesystem sei stark mittelschichtsorientiert.

„Bürgerliche Suchtberatung funktioniert nicht“, sagt Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes. „Es geht bei der Arbeit mit Wohnungslosen häufig erst um die Versorgung basaler Bedürfnisse wie Kleidung, Essen oder Unterbringung, bevor eine Suchthilfe möglich ist.“ Der alkoholkranke Lehrer, Verwaltungsangestellte oder Lokomotivführer habe zumeist eine Arbeitsstelle, Familie, Freunde und Kollegen, sagt Neubacher,  „der Wohnungslose hat nur seine Kumpel von der Straße und die saufen auch“. Armut, Isolation, geringe Schulbildung, fehlende soziale Basiskompetenzen sowie die Belastung durch häufig unentdeckte psychische Krankheiten wie Depression, Persönlichkeitsstörungen oder Psychosen kennzeichneten die Lebensumstände vieler ihrer Klienten, berichtet die Therapeutin weiter.  „Ich muss deshalb häufig anders arbeiten als in der traditionellen ambulanten Suchttherapie. Wenn mein Klient nicht weiß, was er abends essen oder wo er schlafen soll, kann ich keine Entspannungsübungen mit ihm machen.“ Regelmäßige Termine, Gruppenangebote, der Einbezug des sozialen Umfelds, das alles sei schwieriger für ihre Klienten als für Mittelschichtsangehörige, erläutert Neubacher. „Bei mir dürfen die Leute auch sturzbetrunken ankommen. Sie kriegen eine freundliche Ansage und sind dann beim nächsten Mal meist nüchtern da.“ Neben einer besonderen fachlichen Herangehensweise brauche es noch etwas anderes. „Man muss die Tonlage mit diesen Menschen hinkriegen“, sagt sie. Das Du ist üblich und ein Händchen für den „Jargon der Straße“ unerlässlich.

Über mangelnden Zulauf kann sich die Therapeutin nicht beklagen. Waren es im Jahr 2009 noch 61 Ratsuchende und 400 Gespräche pro Jahr, kamen 2018 185 Klienten zu 1200 Gesprächskontakten. Die meisten sind zwischen 30 und 60 Jahre alt, sie behandelt aber auch 18- oder 70-Jährige. 75 Prozent ihrer Klienten sind männlich, neben Deutschen auch Iraner, Pakistaner, Syrer und Osteuropäer. Ist kein Dolmetscher vorhanden, macht Neubacher ihren Klienten auch mal pantomimisch klar, dass sie zur Entgiftung ins Krankenhaus müssen. Sie arbeitet verhaltenstherapeutisch, mit kreativen Techniken, Bildern und Geschichten und „ich habe auch schon mal mit einem Klienten getanzt“, sagt sie mit einem Lächeln. Bundesweit ist Neubacher die einzige Suchttherapeutin, die direkt in der Wohnungslosenhilfe arbeitet. Anfangs hatte sie mit Skepsis zu kämpfen. Therapie mit alkoholkranken Wohnungslosen, geht das überhaupt? Es funktioniert, doch „bis sich diese Erkenntnis in der Fachwelt durchsetzte, dauerte es ein bisschen“, berichtet sie. Was sie anfangs bei ihrer Arbeit überrascht und „tief erschüttert“ hat, sind die oft furchtbaren Lebensgeschichten ihrer Klienten. Wieviel Unrecht Kindern angetan wurde, die Gewalt, Missbrauch, Vernachlässigung, in der Familie oder in Heimen, erlebt hatten, und wie nachhaltig solche Traumata ein Leben zerstören können, das ließ sie oft nicht los. Es hilft Neubacher in ihrem „Ein-Frau-Betrieb“, im Verbund mit ihren Kollegen aus der Wohnungslosenhilfe der Diakonie arbeiten zu können. Deren Angebot umfasst (Schuldner)-Beratung, Kleiderausgabe, Tagestreffpunkte und medizinische Hilfe.

Angesichts steigender Wohnungslosenzahlen und der zunehmenden Nachfrage nach ihrer Arbeit hat die Suchtexpertin einen Wunsch für die Zukunft. „Irgendwann gehe ich ja auch mal in Rente“, sagt sie, „und ich hoffe, dass dieses spezielle therapeutische Angebot dann weiter bestehen bleibt“. Denn „die Wohnungslosen und erst recht die alkoholkranken haben keine Lobby, und sie brauchen Menschen, die ihnen Chancen geben“.


Sabine Dörfel

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