"Albtraum Miete" - Schuldnerberater_innen fordern bezahlbare Mieten in der Aktionswoche

Schuldnerberater_innen der beteiligten Wohlfahrtsverbände am Infostand auf dem Platz der Weltausstellung
04.06.2019

Mit einem gemeinsamen Aktionstag in der Innenstadt Hannovers wiesen Schuldnerberater der Diakonie, Caritas und AWO am Dienstag, 4. Juni, auf die zunehmenden Wohnungsprobleme von Geringverdienern und Hartz-4-Empfängern hin. Bei dem Aktionstag informierten die Schuldnerberater an einem „Wohnzimmer“-Stand auf dem Platz der Weltausstellung von 12 bis 16 Uhr und standen für Gespräche bereit. Neben weiteren  Aktionen konnten Passanten beispielsweise mit Klebepunkten verdeutlichen, wie viel Prozent ihres Einkommens sie für Miete aufwenden müssen.

Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes nahm vor Ort Stellung zur Problematik:

"Immer mehr Menschen sind dabei, sich zu überschulden. Die Probleme in der Beratung werden immer komplexer. Ein großer Baustein sind die steigenden Mietpreise. Fast ein Viertel aller Ratsuchenden in den Schuldnerberatungsstellen von Diakonie, Caritas und AWO haben Probleme, ihre Miete zu bezahlen. Immer häufiger werden 50 % des Nettoeinkommens für Miete aufgewandt. Hier erleben wir gerade die Folgen einer Fehlentwicklung. Es gibt zu wenig öffentlich geförderte Wohnungen. Und auch wenn das Problem erkannt ist, nimmt ihre Zahl immer noch weiter ab. Bundesweit in den letzten zwei Jahrzehnten um mehr als die Hälfte weniger, hier in Hannover nicht ganz so dramatisch, aber auch hier sinkt die Zahl der geförderten Wohnungen. Vor 10 Jahren 20.600, jetzt keine 19.000 mehr, ein Minus von 1.700 Wohnungen.

Für Eigentümer ist es einfach interessanter, frei zu vermieten. Alleinerziehende Mütter etwa baden das aus, weil die Mieten deutlich schneller steigen als Löhne oder staatliche Unterstützungssysteme. Die meisten Ratsuchenden sind entsprechend weiblich, zwischen 30 und 50, nicht in einer Partnerschaft leben.

Es gibt zunehmend aber auch andere. Jetzt einen 50jährigen, wie jetzt in unserer Schuldnerberatung erlebt: Er hatte einen Schlaganfall, musste nach dem Krankenhausaufenthalt länger ins Pflegeheim, kündigte seine Wohnung und findet jetzt keine neue. 

Bildung, Gesundheit, da sind wir uns doch einig, muss finanzierbar bleiben. Ich finde, das muss auch für unser Dach über dem Kopf gelten. Deshalb: Land und Kommunen müssen den Bau von Sozialwohnungen vorantreiben. Damit große Konzerne mit Sitz in Übersee mit ganz anderen Renditeerwartungen nicht zunehmend das Marktgeschehen in unseren Städten bestimmen. Mit der Folge, dass es immer öfter zu einem Albtraum Miete führt, der dann häufig auch mit einer hohen psychischen Belastung einhergeht, was dann auch nicht folgenlos bleibt. Hier müssen wir gegensteuern."

„Die Mietpreise sind zu hoch und es muss ein immer größerer Teil des Einkommens für Wohnraum verwendet werden“, sagte Martina Sievers, Schuldnerberaterin der Diakonie Hannover. „Viele Mieter geraten deshalb in eine Schuldensituation.“ Wer schon überschuldet sei,  finde kaum eine Wohnung, denn zunehmend verlangten Vermieter und auch gemeinnützige Wohnungsunternehmen eine Schufa-Auskunft des Mieters.  „Auch wenn diese Auskunft nur Schulden auf Telefonie oder Warenbestellungen ausweist, verweigern Vermieter den Abschluss einen Mietvertrages. Es darf keine Stigmatisierung auf Grund der Schufa-Auskunft geben“, so Sievers. Sie verwies damit auf das Forderungspapier, das die AG SBV (Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände) anlässlich der bundesweiten Aktionswoche Schuldnerberatung herausgegeben hat. Die Aktionswoche vom 3. bis 7. Juni steht unter dem Motto „Albtraum Miete“. Sie stellt das Grundrecht auf bezahlbaren Wohnraum in den Mittelpunkt.  „Laut Mietspiegel liegt der durchschnittliche  Quadratmeterpreis für Wohnungen in Hannover bei 9,81 Euro, bei kleinen Wohnungen ist der Durchschnittspreis 11,15 Euro “, erläuterte Sievers. „Hartz-4-Beziehern erstattet das Jobcenter nur 7,80 Euro incl. Nebenkosten pro Quadratmeter.“  Dies sei ein „sicherer Weg in die Überschuldung“.  Die Quote verschuldeter Haushalte in Hannover liege bei 10,4 Prozent, in der Region bei 11,45 Prozent, ergänzte die Sozialarbeiterin. Das Bündnis von Diakonie, Caritas und AWO fordert, dass zumindest die gemeinnützigen Wohnungsgesellschaften auf eine Schufa-Auskunft bei potenziellen Mietern verzichten sollen. Weiter fordern sie eine angemessene Mietkostenübernahme durch die Jobcenter ebenso wie mehr Direktzahlungen der Miete an Vermieter von Hartz-4-Beziehern. „Auch Bauwirtschaft und Politik in Hannover sind gefordert, mehr für bezahlbaren Wohnraum zu tun“, bekräftigte Sievers.

 Die Forderungen der AG SBV zur Aktionswoche Schuldnerberatung richten sich unter den Stichworten „Wohnraum finden – Wohnraum erhalten – Wohnraum sichern“ an verschiedene Adressaten. So müsse der Sektor des gemeinwohlorientierten und sozialen Wohnungsbaus nach Auffassung der AG erheblich gestärkt werden, damit mehr bezahlbare Mietwohnungen geschaffen und dann auch erhalten würden. Die Schufa solle Überschuldete im Insolvenzverfahren nicht mit einer schlechteren „Benotung“ abstrafen, da dieses Verfahren eine Form der Schuldenregulierung und somit nichts Negatives sei. Auch sollten die Negativmerkmale von Auskünften für Vermieter sich auf Miet- und ähnliche Schulden beschränken, fordert die Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände weiter. Die von den Wohlfahrts- und Fachverbänden durchgeführte bundesweite Aktionswoche Schuldnerberatung findet mit wechselnden Themenschwerpunkten jedes Jahr im Juni statt.

SAT1 berichtete am 4.6. in einem Beitrag, im Interview auch Martina Sievers, Schuldnerberaterin des Diakonischen Werkes Hannover

Mehr zur Schuldnerberatung des Diakonischen Werkes

Weitere Fotos

v.l.: Matthias Menzel (Caritas), Martina Sievers und Christian Ernst (Diakonisches Werk)
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